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Interview mit Martin Paas vom 14.03.2013

Seit über zehn Jahren spielt und spricht Martin Paas das beliebte Schaf Wolle. Außerdem ist er der Mann, der seit 2006 "den Star" der Sesamstraße, Ernie, zum Leben erweckt. Wir freuen uns natürlich sehr, Martin Paas für unsere Fanclubseite einige Fragen zu seiner Arbeit stellen zu dürfen.

Wolle wurde mehr oder minder zufällig geboren, da beim Casting für den Puppenspieler vom Pferd die Duo-Kombination sehr gut ankam. So wurde aus einem Muppet-Wurfschaf ein eigenständiger Charakter. Wie entstand das Wesen von Wolle und inwieweit konnten Sie es mitgestalten?

Nachdem Wolle in die Staffel 2002 gerutscht war, hatte er zwei oder drei Folgen, die zu dem Zeitpunkt ja alle schon geschrieben waren, von anderen Figuren geerbt. Kurz nach Beendigung der Staffel wurden wir dann vom NDR angefragt, ob wir nicht Lust hätten, 40 Sketche nur für Wolle und Pferd zu schreiben. Natürlich hatten wir Lust, und bei diesem Projekt ist dann viel von Wolles Wesen entstanden. Die Sketche wurden einigen Monate später aufgezeichnet und danach hatte auch der Autorenpool der Sesamstraße eine genauere Ahnung, mit wem sie es bei Wolle und Pferd zu tun hatten.

In den Anfangszeiten sah Wolle noch sehr knollig und ungepflegt aus. Welche späteren Änderungen an der Puppe haben Ihnen besonders gefallen?

Na ja, man muss bedenken, dass wir Wolle tatsächlich aus einem Pappkarton für ausrangierte Puppen "gerettet" haben. Zu dem Zeitpunkt, als er seine ersten Auftritte in der deutschen Sesamstraße hatte (und auch noch bei der ersten "Wolle und Pferd-Sketche" Staffel) war das eine Puppe, die schon seit einigen Jahre nicht mehr bei Dreharbeiten eingesetzt wurde und nur noch zu Puppenspieler-Workshops diente. Der Kopf war aus (inzwischen) leicht porösem Schaumstoff, der hin und wieder freien Durchblick auf die Puppenspielerhand gestattete und verhältnismäßig schmutzig. Der Workshop in New York hat Wolle dann in den folgendenen Jahren immer wieder liebevoll repariert und zum Teil restauriert. Zur "Möhre für Zwei" stand eine Generalerneuerung an, und in diesem Rahmen ist der beflockte Schaumstoff des Kopfes einem Vlies gewichen. Das ist ein mir angenehmeres Material und auch deutlich HD tauglicher. Die Proportionen der Figur haben sich dabei leicht verändert und obwohl ich den ehemals etwas größeren Augen nachtrauere, gefällt mir Wolle in seiner heutigen Form am Besten. Hinzu kommt, dass wir uns entschieden haben, Stäbchen an die Vorderbeine anzubringen, so dass Wolle jetzt deutlich mehr Möglichkeiten hat, was Gestik und das Handling von Requisiten angeht. Man darf nicht vergessen: Wolle ist von seinem Design und seiner Konstruktion her nie als Vordergrund-Figur gedacht gewesen. Er ist sehr klein, hat zu kurze Arme, keine auffällige Farbe, kein schönes Fell, keine Hände, keine Mechanik... aber wird trotzdem von vielen geliebt. Eine echte Aschenputtel Geschichte!

Für Wolles Reportereinsätze waren Sie in vielen Betrieben und drehten dort kleine Reportagen. Die Mitarbeiter der Firmen haben mit Wolle gesprochen und mussten hier und da auch schauspielerisch glänzen, wenn Wolle wieder einmal Chaos anrichtete. Wie lief so ein Dreh ab?

Diese Dreharbeiten habe ich sehr gemocht. Wir haben die Locations vorher besichtigen können, dann Drehbücher geschrieben, die Interviewpartner zum Teil vor dem Dreh kurz kennengelernt... und beim Drehen war dann plötzlich doch vieles anders als gedacht. Wir hatten jeweils nur einen Drehtag pro Interview und meistens waren das kurze Wintertage, wo das Licht, bzw. dessen frühzeitiges Verschwinden dann wirklich ein Problem wurde. Da kam dem Projekt sehr zu Gute, dass wir ein sehr kleines Team waren und der Regisseur Jojo Wolff sich ausgesprochen spontan und gut auf Situationen einstellen kann. Unsere Interviewpartner waren ja allesamt keine Schauspieler, sondern echte Bäcker, Gärtner, Ministerpräsidenten und Flugzeugführer und die meisten von Ihnen standen zum erste Mal vor einer Kamera. Und dann noch gemeinsam mit einem Schaf im Trenchcoat aus dem unten auch noch ein Puppenspieler raushängt! Für viele eine echte Herausforderung, die sie aber hervorragend gemeistert haben. Ich habe zumeist versucht, unsere Gerächspartner mit Wolles Hilfe vor Drehbeginn ein bißchen locker zu machen. So entsteht durch nettes Plaudern und ein paar Scherzen zwischen den Gesprächspartnern und der Puppe schon bevor die erste Klappe fällt, ein Vertrauen in diese eigentlich absurde Situation. Und weil Wolle ein ganz gutes Gespür für Situationen und sein jeweiliges Gegenüber hat, funktioniert das in aller Regel sehr gut. Wir hatten jedenfalls sehr viel Spaß miteinander.

Wolle und Pferd wurden im Laufe der Jahre immer beliebter und liefen irgendwann sogar alt eingesessenen Figuren wie Samson den Rang ab. Inzwischen haben sie mit "Eine Möhre für Zwei" sogar eine eigene Serie bekommen. Was glauben Sie macht den Erfolg der beiden aus?

Die beiden sind einfach ebenso lustig wie liebenswert. Sie haben ihre Macken und menschliche, oder besser tierische Schwächen, sind emotional und sehr emphatisch. Wenn man etwas genauer hinschaut, fällt auf, dass sie darüber hinaus außergewöhnlich vielschichtige Charaktere sind, die sich bei aller Unterschiedlichkeit in ihrer Freundschaft unglaublich gut ergänzen bzw. eine Menge Eigenschaften in sich vereinigen: Neugierde und Phlegma, Naivität und Schläue, Ungeduld und Gelassenheit. Ihre kindliche Sicht der Dinge führt dann oft zu ebenso unerwarteten wie unorthodoxen Wegen bei der Bewältigung ihrer Probleme und Aufgaben und es macht viel Spaß ihnen bei ihrem Treiben zuzuschauen. Sie tragen beide viel Komik in sich, sowohl sprachlich als auch physisch und Slapstick ist für mich ein ganz wichtiges Element bei Wolle und Pferd. Die Summe all dieser Eigenschaften gepaart mit der ihnen eigenen Begeisterungfähigkeit macht sie zu ganz besonderen liebenswürdigen Welterklärern, bei denen man so ganz nebenbei auch viel über die Dynamik von Freundschaften lernen kann.

Drei Staffeln gibt es bereits, darunter auch ein großer zweiteiliger Spielfilm. Was waren Ihre bisherigen Lieblingsszenen oder -folgen
der Möhre?

Mich haben die Dreharbeiten mit den hörgeschädigten Kindern schwer beeindruckt. Und das lag nicht an Wolle und Pferd ;)

Was waren aus Ihrer Sicht die wesentlichen Gründe der Einstellung der klassischen Rahmengeschichten mit Samson, Rumpel, Feli, Nils, Annette usw.?

Das war, ebenso wie die Entwicklung der "Möhre für Zwei", eine redaktionelle Entscheidung. Zum Einen spielt vermutlich eine Rolle, dass es bereits unzählige Rahmengeschichten gab und das Format vielleicht langsam auserzählt war. Zum anderen war in den letzten Jahren der Rahmengeschichten in der Sesamstraße ja quasi alles möglich: wir sind auf den Mond geflogen,die Sesamstraße verwandelte sich in einen Dschungel oder war plötzlich eine Unterwasserwelt und alle saßen in einem U-Boot und Samson wurde sogar zum Superhelden. Das sind natürlich wunderbare Fantasiegeschichten, aber zugleich stellte sich da eine gewisse Beliebigkeit ein. Wir wollten mit einem strukturierterem Format wieder näher an die Erlebniswirklichkeit der Kinder ran und das gelingt mit der "Möhre für Zwei" sehr gut. In jeder Folge gibt es einen Themenkomplex oder ein Problem, das Vier- bis Siebenjährige sehr gut kennen: Wie ist es zum Beispiel, wenn man mal alleine ist; die Angst vor einem Arztbesuch, Eifersucht oder ein Streit mit einem guten Freund. Die Figuren der Serie durchleben und lösen diese Probleme in den Geschichten auch mit Hilfe der Kinder, die ja in jeder Folge zum dem Thema befragt werden und unsere Zuschauer erkennen sich dort wieder. Und weil unsere Helden das auf ihre ganz eigentümliche Wolle-und-Pferd-Art machen und dabei auch noch von einem sprechenden Klo unterstützt werden, kommen auch Fantasie und Spaß nie zu kurz. Der Erfolg der "Möhre für Zwei" gibt dieser Entscheidung recht, denke ich, denn die ganze "Sesamstraße" hat durch die "Möhre für Zwei" einen neuen Schub erhalten.

Seit einigen Jahren werden mit Ernie und Bert in Deutschland Sketche und Clips produziert. Wie groß war der Respekt vor diesen Puppen-Giganten und welchen inneren Druck gab es, Ernie möglichst würdevoll zu übernehmen und doch kreativ und zeitgemäß zu spielen?

Der Respekt war schon groß, denn Ernie und Bert sind natürlich Ikonen, die man keinesfalls beschädigen will. Nach dem Casting bekamen wir einen Puppenspieler-Workshop bei Kevin Clash und anschließend einen Stimmen-Workshop bei Peter Kirchberger, der selbst mal Ernie gesprochen hat. Und obwohl diese beiden anerkannten Cracks unsere Leistungen gutiert haben, wäre ich trotzdem aus dem Projekt ausgestiegen, wenn ich zu große Zweifel an dem Ergebnis gehabt hätte. Inzwischen fühle ich mit Ernie pudelwohl, wir haben viel Spaß miteinander. Ich habe auch das Glück, mit Charlie Kaiser eine herausragende Handspielerin an meiner Seite zu wissen.

Haben Sie versucht, sich stimmlich an Vorgängern, z. B. der Kultstimme Gerd Duwner oder auch Michael Habeck zu orientieren bzw. wurde am Anfang viel ausprobiert, um stimmlich zu passen?

Ich gehöre ja auch zu denen, die mit Duwner und Kieling groß geworden sind und hätte persönlich nichts dagegen, wenn die beiden das immer noch machen könnten. Ernie und Bert sind ein so fester und wertvoller Bestandteil der eigenen Kindheit, da möchte man nicht, dass sich irgendwas ändert. Geht natürlich nicht bei einem Format, dass seit 40 Jahren springlebendig ist und sich immer wieder neu erfinden muss. Ich bin, was viele nicht wissen, schon der vierte Ernie Sprecher. Und natürlich hatte ich bei der Stimmfindung vor allem Gerd Duwner im Ohr. Nun sind die auszufüllenden Fußstapfen enorm groß und meine Tonlage ist auch etwas anders, doch Rytmus und Dynamik, die ich bei Ernie anlege, sehe ich schon in der Tradition und auch als Reminiszenz an ihn. Im Vergleich zu meinem direkten Vorgänger, Michael Habeck ist die Stimme naturgemäß deutlich jünger, doch das passt für mein Empfinden sehr gut zu Ernie. Ich habe übrigens bei Rollenwechseln die Erfahrung gemacht, dass es nicht unbedingt erforderlich ist, eine Stimme möglichst naturgetreu zu imitieren. Viel wichtiger ist es, dass die Stimmen zu den Figuren passen und ich glaube, das ist recht gut gelungen.

Ernies rechte Hand spielt stets Charlie Kaiser. Sie spielen die andere Hand, den Kopf und sprechen dazu. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit genau?

Nun, das wird technisch in der Frage schon sehr gut beschrieben. Die Schwierigkeit bei Figuren wie Ernie (oder auch Pferd) ist ja, dass dort zwei Puppenspieler agieren, man aber genau das nicht spüren oder gar erkennen darf. Da hilft es, wenn man seine Mitspieler schätzt und kennt, sonst ist die Illusion des "einen Körpers" kaum zu erzielen. Das Zusammenwirken von Charlie und mir ist inzwischen wunderbar intuitiv. Bei schwierigen Handling-Situationen besprechen wir vorher, wie wir das gewuppt bekommen. Hin und wieder spielt Charlie auch beide Hände und wer sich fragt wieso, sollte mal versuchen zu zweit über Kopf spontan zu klatschen, wenn einer die rechte und der andere die linke Hand spielt. ;) Bei Wolles Stäbchen-Armen habe ich übrigens Unterstützung von dem Puppenspieler Vince Chester und schätze seine Arbeit genauso wie Charlie´s bei Ernie. Gutes Handspiel verbessert die Wirkung der Puppen wirklich enorm und wird leider oft unterschätzt.

Die Promi- und Märchensongs von Ernie und Bert aus 2011 sind sehr gut angekommen, neue Promi-Songs werden zur Zeit gedreht. Wie entsteht so ein Song und wieviel Einfluss haben Sie auf die kleinen Gags darin?

Wir nehmen die Gesangparts vorher in dem Studio von Gerd Geerdes auf, der seit Jahren alle Songs der Sesamstraße komponiert und textet und auch die Promisongs arrangiert. Bei den Aufnahmen halten wir uns natürlich an seine Scripts, haben allerdings Freiheiten, was das sogenannte "wording" und auch Einwürfe und Reaktionen der Figuren angeht. Ein simples Beispiel: wenn ich merke, dass sich ein längerer Instrumentalteil wunderbar dazu eignet, dass Bert (natürlich) wider Willen eine Tanzeinlage mit Ernie einlegen muß, dann fliesst das mit ein. Ich verrate jetzt aber nicht in welcher Folge.

Ernie und Bert sind aktuell sehr gefragte Talkgäste und waren kürzlich sogar bei "TV total". Inwieweit muss man bei solchen Auftritten aufpassen was man spontan als Ernie sagt, um nicht in zweideutige Richtungen zu gleiten und politisch korrekt zu bleiben?

Man muss sich tatsächlich konsequent in die Ernie und Bert Welt hineindenken. Dann passiert so etwas nicht, weil die Figuren eben nicht zweideutig sind. Andererseits neigt man natürlich dazu, die Narrenfreiheit der Puppen auch auszureizen. Deshalb absolviere ich solche Auftritt lieber mit Wolle, der in seiner Anlage etwas frecher ist als Ernie und da ein paar mehr Möglichkeiten hat.

Carsten Morar-Haffke erzählt oft in Interviews, dass er Bert für den lustigeren Part bei beiden hält. Wie sehen Sie das?

Chrchrchrchrchr...

Gibt es Ersatzpuppen für Ernie und Bert bzw. sind die Figuren bei Live-Auftritten andere als bei Studioaufnahmen?

Nein, Ersatzpuppen gibt es nicht. Deutschland ist der einzige Linzenznehmer, der eigenständig mit Ernie und Bert produziert und nach meiner Information existieren tatsächlich nur zwei Paar drehtaugliche Figuren. Das Eine steht in New York vor der Kamera, das Andere hier bei uns. Diese Figuren setzen wir auch bei off air Auftritten ein.

Wie finden Sie die aktuelle Aufmachung der Sesamstraße mit Gastgeber Elmo in seinem Baumhaus?

Sehr süß!

Was wünschen Sie der Sesamstraße zum 40. Geburtstag?

Ähem... happy birthday!

Ganz herzlichen Dank!

Fotos: NDR

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